In den letzten Jahren ist die Zahl der atypischen Beschäftigungsverhältnisse deutlich gestiegen. Ca. 36 Prozent der Beschäftigten arbeiten im Jahr 2009 Teilzeit, befristet oder geringfügig, sind als Leiharbeiter/Leiharbeiterin oder Solo-Selbstständige tätig. Während das Normalarbeitsverhältnis (Vollzeit und unbefristet) an Bedeutung verliert, gewinnen atypische Beschäftigungsformen an Bedeutung. Gesellschaftliche Veränderungen – insbesondere die Zunahme der Frauenerwerbs tätigkeit – aber auch der sektorale Strukturwandel (Tertiärisierung) und politische Entscheidungen (Deregulierung) haben diese Entwicklungen gefördert. Es ist davon auszugehen, dass sich dieser Trend in Zukunft fortsetzt. Die Einschätzung und Bewertung dieser Entwicklungen sind nicht nur unter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, sondern auch in der öffentlichen Debatte heftig umstritten. Als stärkstes Argument für die Ausweitung dieser Beschäftigungsformen wird ihr – bislang nicht überzeugend belegter – Beitrag zur Verringerung der Arbeitslosigkeit und zur Schaffung neuer Arbeitsplätze genannt. Vertreter der Wirtschaft, die die Verwendung des Begriffs ablehnen, sehen in unterschiedlichen Formen „fl exibler“ Beschäftigung eine unverzichtbare Voraussetzung, um Arbeitsabläufe und betriebliche Prozesse mit den sich ändernden Marktanforderungen effektiver und effi zienter zu synchronisieren. Betrachtet man die Veröffentlichungen zu diesem Thema im Überblick, mangelt es nicht an Analysen und Beschreibungen zu einzelnen Beschäftigungsformen. Was bisher fehlt, sind ein breiterer Überblick und eine differenziertere Sichtweise auf die kurz- und längerfristigen Wirkungen. Auch die Frage nach den Handlungserfor dernissen und Handlungsperspektiven ist in der aktuellen Debatte noch zu wenig präsent. Diese Lücke wird mit der vorliegenden Expertise von Berndt Keller und Hartmut Seifert – unter Mitarbeit von Susanne Schulz und Barbara Zimmer – ein Stück weit geschlossen. Sie zeichnen anhand eigener Datenauswertungen ein differenziertes Bild von atypischen Beschäftigungsverhältnissen und ihrer Entwicklung. Sie vermeiden den Kurzschluss, „atypische“ mit „prekären“ Beschäftigungsverhältnissen gleichzusetzen und plädieren dafür, Prekaritätsrisiken anhand messbarer Kriterien zu operationalisieren. Dabei unterscheiden sie vier zentrale Dimensionen (Einkommen, Beschäftigungsstabilität, Beschäftigungsfähigkeit und Soziale Sicherung). Dieses Vorgehen erlaubt nicht nur, für die unterschiedlichen Beschäftigungsformen die jeweiligen Risiken näher zu bestimmen und zu quantifi zieren, sondern sie auch u. a. im Hinblick auf Verfestigungstendenzen und damit hinsichtlich ihrer längerfristigen Wirkungen einzuordnen. Es zeigt sich, dass Frauen überproportional häufig in diesen Beschäftigungsformen arbeiten; mit weitreichenden Konsequenzen nicht nur für ihr aktuelles Einkommen, sondern auch für Beschäftigungssicherheit, Entwicklungsmöglichkeiten in der Arbeit, Aufstieg sowie die Absicherung gegen soziale Risiken vor allem im Alter. Die Autoren zeigen aber auch die gesamtwirtschaftlichen Folgen dieser nicht „nachhaltigen“ Beschäftigungsverhältnisse auf und weisen auf die Folgen für die sozialen Sicherungssysteme und den Staatshaushalt hin.