Patientenorientierung in der medizinischen Versorgung : Vorschläge zur notwendigen Weiterentwicklung und Umgestaltung unseres Gesundheitswesens ; Expertise im Auftrag der Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung
Gerd Glaeske
Welche gesundheitspolitische Vision wird zukünftig die treibende Kraft für positive Veränderungen im Gesundheitssystem sein? Vorstellungen über neue innovative Arzneimittel oder medizintechnologische Entwicklungen? Sicherlich werden sie eine wichtige Rolle spielen. Wird bei diesen Vorstellungen aber wirklich von den Bedarfen und dem Nutzen medizinischer und nicht-medizinischer Leistungen für den Patienten ausgegangen und orientieren sich hieran die bisher etablierten Versorgungsstrukturen? Hieran bestehen erhebliche Zweifel. Es gibt viele Hinweise darauf, dass die gegenwärtige Beschaffenheit des Gesundheitssystems die veränderten Bedarfe nicht ausreichend wahrnimmt und den wirklichen Nutzen der Leistungen für den Patienten nicht ausreichend offen legt. Es bestehen auch Zweifel daran, dass die gegenwärtige Ausrichtung des Gesundheitssystems ohne eine deutliche Neuakzentuierung stärkere Impulse für eine bessere gesundheitliche Versorgung der Patienten erzeugen wird. Es stellt sich deshalb die Frage, wie eine gesundheitspolitische Konzeption aussehen könnte, die die Bedarfe an medizinischen und nicht-medizinischen Leistungen und deren Nutzen für den Patienten als Ausgangspunkt nimmt und gleichzeitig gegenüber wirtschafts- und beschäftigungspolitischen Überlegungen offen ist. Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di und die Friedrich-Ebert-Stiftung haben Prof. Dr. Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen damit beauftragt, dieser Frage nachzugehen. Die Fragestellung wurde in dem noch laufenden Projekt zum Thema Soziale Gesundheitswirtschaft entwickelt. In diesem Projekt wird auf den Zusammenhang von Gesundheit und Wirtschaft/ Beschäftigung/Qualifizierung eingegangen. Diesen Zusammenhang hat es schon immer gegeben und er wird hier nicht neu erfunden. Allerdings werden Wachstum der Industrie und der Dienstleister dem Bedarf des Patienten untergeordnet und so die politische und gewerkschaftliche Perspektive neu akzentuiert: Am Ende dieses Projektes soll ein Konzept vorgestellt werden, das aufzeigt, welche Strategie sowohl zu einer qualitativ höherwertigen gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung führt als auch gute Arbeit und verbesserte Qualifizierung ermöglicht. Ein solches Konzept grenzt sich von denen ab, die z. B. ausschließlich Wachstum oder einseitige Einkommenserhöhungen bzw. Umsatzsteigerungen der Leistungsanbieter im Focus haben und davon abhängig definieren, was zukünftige medizinische Bedarfe sind und wie darauf einzugehen ist.