Vor dem Hintergrund der globalen geoökonomischen Fragmentierung und der geopolitischen Unordnung, insbesondere durch die Politik unter US-Präsident Donald Trump, gewinnt ein Freihandelsabkommen (FTA) zwischen der Europäischen Union (EU) und dem Golf-Kooperationsrat (GCC) an strategischer Bedeutung. Die sechs GCC-Mitgliedsstaaten - Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Katar, der Oman, Bahrain und Kuwait - setzen zunehmend auf regionale und internationale Konnektivität sowie den Ausbau erneuerbarer Energien, um alternative Geschäftsmodelle zum Export fossiler Brennstoffe aufzubauen. Nach Ausbruch des Ukraine-Krieges gewann das Potenzial der Golfstaaten als verlässlicher, energiereicher Stabilitätsanker in geografischer Nähe zunächst an Bedeutung und führte zu einem verstärkten Engagement Berlins und Brüssels am Golf. Der jüngste amerikanisch-israelische Krieg gegen den Iran stellt jedoch einen Stresstest für diese wichtigen ökonomischen Grundpfeiler der Partnerschaft zwischen Europa und den Golfstaaten dar: der Warenverkehr durch die Straße von Hormus, das Haupttor der fossilen Exporte aus der Arabischen Halbinsel, ist blockiert, während iranische Angriffe gegen zivile Ziele das Image des GCC als sicherer Hafen für internationale Geschäfte und Logistik in Frage stellt. Nichtdestotrotz argumentiert der vorliegende Report für eine Vertiefung der wirtschaftlichen Partnerschaft zwischen der EU und dem GCC. Gerade in der gegenwärtigen volatilen geopolitischen Lage würde ein umfassendes Freihandelsabkommen mit regulatorischer Harmonisierung, gezielter Investitionsförderung sowie einer Kooperation bei nachhaltigen Energien und Wertschöpfungsketten für die EU große Vorteile verschaffen. Am Beispiel des bestehenden Freihandelsabkommens der Golfstaaten mit den EFTA-Ländern (Norwegen, Schweiz, Island, Liechtenstein) zeigt dieser Beitrag, dass die EU nicht nur gegenüber Wirtschaftsmächten wie China Handelsanteile am Golf verloren hat. Die EFTA-Exporte in den GCC wuchsen nach Abschluss des Freihandelsabkommens um rund 45 Prozent stärker als die der EU. Auch auf der Importseite zeigt sich eine deutlich stärkere Verflechtung der EFTA mit den Golfstaaten. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass das Abkommen nicht nur den EFTA-Staaten ermöglicht, eine stärkere Exportdynamik zu entfalten, sondern auch die Ausweitung der Importe vorantreibt, insbesondere in rohstoffnahen und vorleistungsintensiven Bereichen. Gleichzeitig verdeutlichen die Auswirkungen des EFTA-Abkommens, dass für die EU ein rein zollfokussiertes Abkommen begrenzte ökonomische Vorteile auf der Exportseite verspricht. Nur ein zukunftsorientierter Rahmen, der über klassische Handelsfragen hinausgeht, kann das volle strategische Potenzial der Partnerschaft in einem geopolitisch aufgeladenen Umfeld erschließen.