Aus der Physik kennen wir die Heisenbergsche Unschärferelation. Sie besagt: Es ist unmöglich, Ort und Impuls eines subatomaren Teilchens gleichzeitig beliebig genau zu messen. Wenn wir innerhalb einer Versuchsanordnung den Ort eines Teilchens genau bestimmen, dann erhalten wir keine genauen Informationen über seinen Impuls; und je genauer wir den Impuls bestimmen; desto stärker verschwimmt der Ort des Teilchens.
Wer es unternimmt, über die Ethik des Kapitalismus zu schreiben, fühlt sich nicht selten an die Unschärferelation erinnert. Eine wirtschaftsethische Unschärferelation könnte vielleicht wie folgt lauten: Es ist unmöglich, ein Wirtschaftssystem zu installieren, das gleichzeitig gerecht und effizient ist. Entweder maximieren wir seine Effizienz, dann leidet die Gerechtigkeit; oder wir sehen zu, dass es in ihm gerecht zugeht, doch dann leidet seine Leistungsfähigkeit. Wer die Zuspitzung liebt, könnte sagen: Entweder arm und tugendhaft oder reich und sündhaft.[...]